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Online Information
Die Ausstellung - Gesamtbewertung
Touch
of Infobase - Goportis ante Portas
Online Information in London 2007. Die Ausstellung verzeichnete viele
Zugänge und Abgänge. Insgesamt dürfte es bei den kleineren Ausstellern einen
Nettoabgang gegeben haben, so dass die Ausstellung noch kompakter geworden
ist.
An der sehr weitgehenden Dominanz der Anglo-Amerikaner änderte das nichts.
Die deutsche Präsenz blieb mit vier Ständen (deutsche STM-Bibliotheken
einschließlich FIZ CHEMIE Berlin, FIZ Karlsruhe, Springer, Zugang Weitkämper,
aber Abgang Thieme) konstant. Dazu stellten die Europäische Kommission sowie
ein französischer, russischer und arabischer Anbieter aus.
Wissenschaftlich-technische Informationen waren weiterhin gut abgedeckt,
Wirtschaftsinformationen und Nachrichten gab es auch. Dazu kamen die
dazugehörigen Dienstleister. Aber wo blieben die Rechtsinformationen? Von
Nachbarmärkten, die irgendwann zu gewinnen und zu halten gewesen wären, wie
die Bildungsinformationen, die Marktforschung und die freien Content-Anbieter
im Internet, reden wir nicht mehr. Andererseits macht der Veranstalter der
Online-Information, Incisive Media, 2008 drei weitere Ausstellungen in
Nachbarmärkten, beispielsweise zum Web 2.0-Bereich, auf.
Von den internationalen „Großen Drei“ hatte sich Thomson kleiner
gesetzt und sich weitgehend auf wissenschaftlich-technische Informationen
beschränkt. LexisNexis kam als britischer nicht europäischer Anbieter wieder.
Factiva war nach wie vor nicht präsent. Reuters mag mit Thomson fusionieren,
glänzte aber auf der Ausstellung durch Abwesenheit. Das mochte insoweit
typisch sein, als die großen aktuellen Ereignisse in der Branche
außerhalb von STM - zum Beispiel: Wie vollzieht sich die Expansion der
westlichen Informationsindustrie nach China, Indien und dem weiteren
Ostasien? – auch sonst kaum Tagesgespräch waren.
Die Online Information ging übergangslos in die Stände der Content
Management-Anbieter über. Bedenkt man, dass es sich um zwei Ausstellungen in
einer handelte, drängte sich der Eindruck „Touch of Infobase“
auf. Andererseits könnte die deutsche Informationsbranche glücklich sein,
wenn sie die Infobase noch hätte und ist die Online Information angesichts
mangelnder Alternativen nach wie vor international das Beste, was die Branche
hat.
Ähnliches gilt für die Konferenz, die, wie ich in mehreren Gesprächen hörte,
qualitativ durchwachsen war. Auch hier mag Kritik leicht zu äußern sein. Aber
wo hätten wir sonst ein Tor mit Frühwarnfunktion zu den Vereinigten Staaten
und den demnächst über uns kommenden internationalen Trends?
Einen Dank an die Universität Düsseldorf
für ihren intellektuellen Informationstransfer aus den führenden
angelsächsischen Ländern.
Die Messeleitung hatte die rückläufigen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte
aufzuhalten versucht, indem sie den Besuch der Konferenz praktisch freigab
und viele kostenfreie Seminare (neben der nach wie vor kostenpflichtigen
Konferenz) organisierte. Die Presseakkreditierung vollzog sich automatisch
durch das Online-System, ohne dass eine spätere intellektuelle Prüfung
erfolgt sein dürfte. (Überwindbare) Schwierigkeiten mochte es allenfalls geben,
wenn der Journalist oder „Journalist“ nicht nur die Ausstellung,
sondern auch die Konferenz aufsuchen wollte.
Das Kalkül der Messeleitung ging insoweit auf, als die Stände der Aussteller
an allen drei Tagen insgesamt gesehen gut besucht wurden. Das galt auch für
die Deutsche Stunde, die im Vergleich zu den Vorjahren viele Besucher fand.
Darunter befanden sich viele bekannte Gesichter aus dem inneren Kreis der
Szene, so dass die Online Information gemeinschaftsstiftende Funktionen
wahrnimmt, dies wiederum angesichts mangelnder Alternativen außerhalb der
Buchmesse. In den Vorjahren hatten gelegentlich erst
informationswissenschaftliche Studenten von der Universität Düsseldorf für
eine angemessen erscheinende physische Präsenz gesorgt.
An dieser Stelle sei der Universität Düsseldorf gedankt, weil wenigstens sie
die Funktion des intellektuellen Informationstransfers aus den führenden
angelsächsischen Ländern in unser Land und dies seit mehreren Jahren
wahrnimmt. Darüber hinaus bringt sie immer wieder eigene Beiträge in die
internationale wissenschaftliche Diskussion ein.
Wie in einigen Vorjahren war die Deutsche Stunde einem einzigen Thema –
Goportis ante Portas – gewidmet. Diese mündete in einem symbolischen
Akt, die Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung zwischen den drei
großen deutschen Wissenschaftsbibliotheken und FIZ CHEMIE Berlin. Ein
kleiner Empfang auf dem Gemeinschaftsstand schloss sich an. Dies war aus
deutscher Sicht der gesellschaftliche Höhepunkt der Online Information. Für die
angelsächsische Informationsszene gelegentlich gesprenkelt durch
Repräsentanten weiterer Nationen gab es selbstverständlich weitere
gesellschaftliche Höhepunkte, insbesondere der Empfang von Thomson Scientific
im Science Museum.
Geht die fachinformationspolitische
Initiativ- und Erörterungsfunktion von den Fachinformationszentren auf die
Bibliotheken über?
Das Portal „Goportis“ von TIB, ZBMed und ZBW ist für die
wissenschaftlich-technische Informationsszene in Deutschland aktuell von
besonderer Bedeutung:
• Als Kooperationsprojekt macht es unmittelbar Sinn,
da sich die Angebote der drei Bibliotheken kaum überlappen, aber in der Weise
ergänzen, dass die Kunden alle drei Bibliotheken nutzen. Dazu gehören
praktisch alle DAX-Unternehmen. Die Bündelung der Angebote aus einer Hand
bedeutet daher eine unmittelbare Effizienzsteigerung (beispielsweise in der
Rechnungslegung) und dies sowohl auf der Anbieter- als auch auf der
Nutzerseite. Insoweit sollte „Goportis“ von vornherein ein Erfolg
sein.
• Die deutschen Wissenschaftsbibliotheken nehmen
wichtige wissenschafts- und forschungspolitische Funktionen wahr und sehen
sich nach der Qualität ihres Services und ihrer Innovationskraft auf
Augenhöhe mit der British Library. Zwar stehen sie ebenso wie die Fachinformationszentren
unter starkem Konsolidierungsdruck und üben die Zuwendungsgeber
einschließlich der von ihnen beauftragten wissenschaftlichen Evaluatoren
starke Kooperationszwänge aus. Aber mit „Goportis“ haben die
Partner unter Beweis gestellt, dass sie proaktiv tätig werden und die für sie
geltenden Spielregeln wenigstens teilweise selbst bestimmen können. Wohl kann
ihr Portal bislang nicht nach Ergebnissen beurteilt werden. Aber seit
Goportis vor wenigen Monaten das erste Mal die Öffentlichkeit erblickte, wurden
für Einrichtungen, die unter öffentlichen Rahmenbedingungen tätig sind,
erstaunlich anspruchsvolle Ziele formuliert, unter anderem die Vereinigung
der Organisationen unter Aufrechterhaltung verteilter Standorte. Darüber
hinaus wurden auf dem Wege dorthin viele Barrieren weggeräumt oder in einer
Vielzahl von Arbeitskreisen zumindest angegangen. Auch sind Expansionen des
Kooperationsverbundes, beispielsweise die Einbindung und eventuelle
Repositionierung von Subito, auf den Weg gebracht.
• Geht die Stimme der wissenschaftlich-technischen
Informationsbranche, sofern diese überhaupt noch erhoben wird, von den
Fachinformationszentren auf die Bibliotheken über? 2007 markierte den
Endpunkt anderer Entwicklungen: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung
hat sich aus dem Kreis konzeptioneller fachinformationspolitischer
Erörterungen verabschiedet. Das IZ Sozialwissenschaften hat seine
Unabhängigkeit im Gesis-Verbund eingebüßt. Das landwirtschaftliche FIZ musste
gleichfalls seine Unabhängigkeit aufgeben. FIZ Technik verlor seine
branchenpolitische Bedeutung, da diese an der Person seines ausgeschiedenen
Geschäftsführer gebunden war. Das größte Fachinformationszentrum in Karlsruhe
beschreitet nach dem Scheitern der Kooperationsgespräche mit FIZ Chemie einen
– durchaus innovativen – Kurs der „Splendid
Isolation“. Schon in den Jahren zuvor war die Zahl der bestehenden
Fachinformationszentren kontinuierlich zurückgegangen.
Wenn TIB, ZBMed, ZBW und FIZ Chemie gemeinsam ihre Stimme erheben, so ist das
noch nicht die Stimme einer Teilbranche. Aber es ist doch mehr als die Stimme
eines einzelwirtschaftlichen Interesses und zumindest ein neu
entstandenes Erörterungspotenzial.
Das ist für uns alles andere als wenig, die wir nach Erfolgsmeldungen,
Projekten mit Signalwirkung und einer Stimme etwas oberhalb des
einzelwirtschaftlichen Tellerrandes ausgehungert sind.
Willi Bredemeier
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